Isl. Sagas


-"Die Götter der Wikinger" Auszüge aus der Snorra-Edda von Jón Þórisson
-"Die Edda" Göttersagen, Heldensagen und Spruchweisheiten der Germanen von Brynjolfur Sveinsson
-"Hrímfaxi" von Hermann Pálsson

Index

Die Wette
Die Auswertung

Das Ende der Unschuld
Götterdämmerung
Die neue Welt
Sagas
Grimnismál
Völuspá


Chaos

Am Anfang, bevor Himmel, Erde und Meer geschaffen waren, gab es nur den unergründlichen Abgrund Ginnungagap, ohne Form und Raum, zwischen dem Feuerreich Muspell und der Nebelwelt Niflheim liegend. Der Geist von Fimbultýr, dem allmächtigen Gott der Ewigkeit und Gott der Götter, wandelte über der Tiefe. Von Niflheim her strömten Eisflüsse und füllten Ginnungagap mit Eis und Reif, bis sie mit den glühenden Flammen von Muspell in Berührung kamen.
Dies war vor dem Chaos.


Fimbultýr gab den schmelzenden Tropfen Leben. So wurde mitten in Ginnungagap der Riese Ýmir geboren. Er war böse. Von ihm stammt das Geschlecht der Reifriesen ab.
Dies war das Chaos.


Am Anfang war Öde

Am Anfang war Öde, nur endlose Leere, weder Sand noch See noch sanfte Woge;
nicht Erde unten noch oben Himmel, nur gähnender Abgrund -
Ginnungagap.

Zuerst gab es im Süden diejenige Welt, die man Muspell nennt; sie ist hell und heiss. Dort lodert die Flamme und brennt, und sie ist unbegehbar für alle, die dort nicht beheimatet sind. Surt heisst der Riese, der an der Grenze lebt und das Land beschützt. Er besitzt ein flammendes Schwert, und am Ende der Welt wird er Krieg gegen die Götter führen und sie besiegen und die ganze Welt mit seinen Flammen verbrennen. 
So steht es in der
Völuspá geschrieben:

Surt kommt von Süden mit flammendem Schwert; im Schein der Sonne die Klinge strahlt.
Gebirge bersten, Bergriesen stürzen, nach
Hel gehn die Helden, der Himmel klafft.

Der Teil des Ginnungagap, der gen Norden lag, füllte sich mit der schweren Last von Eis und Reif; während weiter innerhalb Stürme wüteten. Doch der südliche Teil des Ginnungagap war milde und hell, dank der glühenden Funken, die aus Muspellsheim herüberwehten.
So wie die Kälte und alles Ungestüm aus Niflheim kam, so war der Teil, der nach Muspellsheim wies, heiss und hell. Ginnungagap war dort so warm wie Luft ohne Wind. Und wo sich der Reif und heisse Luft begegneten, da taute es und fielen Tropfen. Und durch die Schöpferkraft dessen, der die Wärme spendete, kamen die Tropfen zu Leben. Ýmir entstand in menschlichem Bild.

Ýmir 


Die Reifriesen

Ýmir war böse wie alle aus seinem Geschlecht. Es wird erzählt, dass er in Schweiss ausbrach, als er schlief; da wuchsen ihm unter dem linken Arm ein Mann und eine Frau, und der eine Fuss zeugte mit dem anderen einen Sohn. Von diesen stammt das Geschlecht der Reifriesen ab.
Als das Eis auftaute, da wurde zunächst die Kuh Audhumla daraus, und vier Milchströme flossen aus ihrem Euter; davon ernährte sie Ýmir.
Sie leckte die Reifsteine ab, die salzig waren. Am ersten Abend kam aus dem Gestein das Haar eines Menschen zum Vorschein, am zweiten Tag sein Kopf und am dritten Tag ein ganzer Mann; der hiess Buri. Er war schön von Gestalt, gross und stark. Er zeugte einen Sohn namens Bór, und dieser bekam Bestla zur Frau, die Tochter des Riesen Bölthorn.
Sie hatten drei Söhne: der erste hiess Óðinn, der zweite Vili, der dritte Ve. Óðinn und seine Brüder sind die Lenker von Himmel und Erde. Denn so soll der grösste und berühmteste Mann heissen.














Kosmos

Fimbultýr sprach: Der Riese muss erschlagen und Ordnung geschaffen werden. Oðinn und seine Brüder Ve und Vile - Bórs Söhne - versetzten Ýmir die tödlichen Wunden und aus seinem Körper schufen sie die Welt: aus seinem Fleisch die Erde; aus dem Blut das Meer; aus seinen Knochen die Berge; aus seinem Haar die Bäume; aus seinem Schädel das Himmelsgewölbe; aus seinen Augenwimpern eine Festung, die sie Midgard nannten. Aus zwei Bäumen schufen die Götter Mann und Frau und flössten ihnen Atem ein. Den Mann nannten sie Ask und die Frau Embla. Von ihnen stammt das Menschengeschlecht ab, das bis zum Ende der Welt in Midgard leben wird.
Dies war der Kosmos.

Midgard  

Schöpfung von Himmel und Erde

Bórs Söhne erschlugen den Riesen Ýmir und warfen ihn mitten ins Ginnungagap und schufen aus ihm die Erde; aus seinem Blut das Meer und die Seen, aus seinem Fleisch das feste Land, die Berge aus seinen Knochen und Gestein und Gröll aus seinen Zähnen und Kinnbacken und aus solchen Knochen, die zerbrochen waren.
Aus dem Blut, das aus seinen Wunden rann, schufen sie das Weltmeer und legten es aussen rundherum um die Erde. Sie umgürteten damit die Erde und banden sie. So gross ist das Meer, dass es die meisten Menschen unmöglich dünken mag, es zu überqueren.
Sie nahmen auch seinen Schädel und schufen daraus den Himmel und stülpten ihn an allen vier Ecken über die Erde, und unter jede Ecke setzten sie einen Zwerg. Die heissen Austri, Vestri, Nordri und Sudri. Dann nahmen sie sprühende Funken, die aus Muspellsheim kamen und lose herumflogen, und festigten sie am Himmel, oben und unten, um damit Himmel und Erde zu beleuchten.
All diesen Sternen wiesen sie einen Platz zu, einigen am Himmel, anderen in freier Bahn darunter. Ein jeder bekam seine Bahn zugewiesen. So steht es in alten Gedichten, dass man mit ihrer Hilfe Tag und Nacht unterschied und die Anzahl der Jahre.
Die Erde ist aussen kreisrund und ringsherum von tiefem Meer umgeben. Den Meeresstrand gaben die Götter den Riesen zur Wohnstatt. Aber drinnen auf der Erde bauten sie eine Schutzwehr gegen die feindseligen Riesen. Diese Schutzwehr schufen sie aus den Augenwimpern Ýmirs und nannten sie Midgard. Sie nahmen auch sein Gehirn und warfen es in die Luft und machten daraus die Wolken.















Schöpfung der Menschen

Als Bórs Söhne am Meeresstrand entlang gingen, fanden sie zwei Baumstämme. Sie nahmen die Stämme und schufen daraus Menschen. Der erste flösste ihnen Atem und Leben ein, der zweite Verstand und Beweglichkeit, der dritte Gestalt und Sprache, Gehör und Gesicht. Sie gaben ihnen auch Kleider und Namen.
Den Mann nannten sie
Ask und die Frau Embla. Von ihnen stammt das Menschengeschlecht, dem sie Midgard zur Wohnstatt gaben.

Bis drei kamen aus dieser Runde der Mächtgen und Milden zum Meeresstrand.
Fanden am Ufer die Asengötter
Ask und Embla ohn' eigenes Leben.

Nicht Seele noch Sinn sie besassen, nicht Laut noch Leben noch leuchtende Farben;
Óðinn gab Seele, Hönir den Sinn, Blut gab Loður und blühende Farben.